Fleckensteinhof

Der Fleckensteinhof gehört zur Häuserzeile westlich der Stiftskirche. Die vier Bauten dieser Reihe gehen in die Zeit um 1500 zurück und gehören zum engeren Stiftsbezirk. Die archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Restaurierung brachten interessante Erkenntnisse zur mittelalterlichen Geschichte des Stiftes.

Ein irreführendes Wappen

Die heutigen Namen der Stiftshäuser weisen entweder auf ihren Erbauer oder auf einen wichtigen Bewohner hin. Andere Gebäude tragen den Namen der Pfründe und des dazugehörigen Altares (St. Ursula, St. Johannes etc.). Viele Hausbezeichnungen stammen von Propst Melchior Estermann (+ 1910), der zahlreiche Bücher zur Stiftsgeschichte publiziert hat.
Betritt man den Fleckensteinhof durch den Haupteingang, fällt der Blick auf ein Sandsteinportal am linken Rand der gegenüberliegenden Wand. Am dortigen Türsturz befindet sich ein Puttenkopf, flankiert von zwei Wappen. Estermann wies das Wappen links irrtümlich dem Chorherrn Niklaus Leonz von Fleckenstein (+ 1749) zu und benannte das Haus nach ihm: «Ich heisse deswegen dieses Haus Fleckensteinhof», schreibt er in seiner «Topographie des Stiftes Beromünster». Ob einer der vier Chorherren aus der Familie Fleckenstein je in diesem Haus gelebt haben, lässt sich nicht nachweisen. Anlässlich der Bauuntersuchung konnte das fragliche Wappen von Dr. Joseph Suter-Wandeler als jenes des Chorherrn und Kustos Kaspar Rhoter bestimmt werden. Dieser lebte von 1600 bis 1632 am Stift und hat offenbar im Erdgeschoss seines Hauses bauliche Erneuerungen vorgenommen. Auch sein Vorgänger, Chorherr und Kustos Jakob Widmer (+ 1614) hat am Bau Spuren hinterlassen. An einem Kellerbalken und an einem Fenstersturz im zweiten Obergeschoss findet sich sein Wappen, einmal kombiniert mit der Jahrzahl 1605, einmal mit 1613.

Repräsentative Gartensäle

Wenn diese beiden Chorherren vor 400 Jahren ihre Haustüre öffneten, traten sie – ganz anders als heute – in einen geräumigen Saal, geschmückt mit Wandmalereien. Das Sandsteinportal mit dem Rhoter-Wappen lag damals genau in der Mitte der Westwand.
Solche grosszügige, vom italienischen Villenbau inspirierte Eingangshallen waren im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Man findet eine solche «sala terrena» in patrizischen Stadthäusern und Landsitzen oder eben in Beromünsterer Stiftshäusern, die ja weitgehend von Mitgliedern des Luzerner Patriziats erbaut oder umgebaut worden sind. In der Halle wurden die Gäste empfangen, Besprechungen und Geschäfte abgewickelt; sie bot aber auch Raum für grössere Bewirtungen und Festlichkeiten. Oft war die ebenerdige Halle vom Eingang getrennt als geschlossener, festlicher Raum ausgestaltet, mit direktem Zugang zum Garten.
Im Fleckensteinhof wurde – wahrscheinlich am Ende des 18. Jahrhunderts – die Eingangshalle mit einer hölzernen Binnenwand unterteilt und ein relativ schmaler Gang ausgeschieden. Die Repräsentation spielte nur noch eine untergeordnete Rolle, man war offenbar auf mehr Lager und Abstellräume angewiesen.

Ein exklusiver Salon

Auf der Nordseite des Fleckensteinhofes stand früher noch ein weiteres Gebäude, das ehemalige St. Afra-Pfrundhaus. Es wurde im Zusammenhang mit dem ersten Villmergerkrieg von 1656 niedergerissen, um einer neuen Befestigungsanlage Platz zu machen. Später, vermutlich aber erst nach 1700, wurde an dieser Stelle ein dreigeschossiger, nicht beheizter Fachwerkanbau errichtet, der mit einem Pultdach an den bestehenden Bau angeschlossen wurde. Im Erdgeschoss dieses Anbaus führte ursprünglich ein breites Bogentor ins Freie. Der Raum könnte daher als Remise für eine Kutsche gedient haben. Im hintern Teil befinden sich zwei unverändert erhaltene Ställe für Kleintierhaltung. In den für das Stift wirtschaftlich schlechten Zeiten des 19. Jahrhunderts war wohl ein Chorherrenhaushalt weitgehend auf Selbstversorgung ausgerichtet.
Hervorzuheben ist in diesem Anbau aber besonders das kleine Kabinett im ersten Stock, das sogenannte Chinesenzimmer. Alle Wände sind mit einer farbenprächtigen spätbarocken Chinoiserie-Malerei geschmückt. Insgesamt 22 figürliche Szenen sind ringsum auf das mit hellblauer Farbe grundierte Wandtäfer aufgemalt: Asiatisch gekleidete Figuren beim Fischfang oder bei der Jagd, Hirtenidyllen, Menschen mit turbanartiger Kopfbedeckung und Schnabelschuhen, chinesische Pavillons und exotische Vögel. Die einzelnen Szenen sind eingerahmt von reichhaltigen Ornamenten aus stilisierten Ranken, Bandschleifen und Gitterdekor und bekrönt mit Frucht- und Blumengebinden.
Diese Chinoiserie-Malerei gilt heute als kunsthistorisch überaus wertvolle und in ihrer Art wohl einzigartige Raumausstattung. In der Biedermeierzeit (um 1820 bis 1850) zog man es jedoch vor, die bemalte Wandtäferung mit einer bedruckten Papiertapete zu überziehen. Erst in jüngster Zeit wurden die längst vergessenen Chinoiserien wieder aufgedeckt.

Geheimnisse hinter Täferwänden

Manchmal liessen die früheren Bewohner der Chorherrenhäuser auch persönliche «Signaturen» zurück. Im Fleckensteinhof haben sich die Chorherren Kaspar Rhoter und Jakob Widmer im 17. Jahrhundert durch das Anbringen ihrer Wappen im Innern als Bauherren zu erkennen gegeben.
Auf Spuren eines weiteren Bewohners stiess man beim Entfernen der Täferplatten im südwestlichen Zimmer des zweiten Stocks. Der weisse Kalkputz war übersät mit feinen Bleistiftnotizen. Es sind locker über die Wände verstreute Listen von kantonalen und lokalen Amtsinhabern aus dem Jahr 1814: Die Schultheissen von Luzern, die oberste Behörde des Amtes Sursee, das Bezirksgericht Michelsamt, der Gemeinderat von Münster, die Stiftsbeamten, die Stiftssigristen, der Nuntius, das Chorherren-Kollegium, aber auch die Liste der Zelebranten im Gottesdienst am Fest Maria Himmelfahrt 1814.

In jenem Sommer 1814 war die Verfassung der Mediation gestürzt, worden; es begann die sogenannte Restauration. Sie liess die Strukturen und politischen Trägerschichten des Ancien Régime teilweise wieder aufleben. Der Schreiber dieser Notizen war offensichtlich interessiert am lokalen politischen «who is who». Er hatte sozusagen einen privat gefertigten «Beromünsterer Staatskalender» über die neugewählten Behörden angelegt. In der Liste der Chorherren gibt sich der Verfasser dann selber zu erkennen. Es ist der Chorherr Jakob Alfons Anton Pfyffer von Heidegg (1773-1856), Sohn des Grossrats und Ratsschreibers Franz Urs Pfyffer von Heidegg. Er hatte in St. Urban, Luzern und Turin studiert und war 1803 mit 20 Jahren bereits zum Chorherrn gewählt worden. Am Stift übernahm er viele verantwortungsvolle Ämter bis hinauf zum Kustos. 1845 wählte man ihn sogar zum Propst, er verzichtete aber auf diese Würde. Er war der letzte patrizische Chorherr in Beromünster, was sich auch in seinem Lebensstil ausdrückte. Er soll selbst gewöhnliche Leute mit «Er» angeredet haben. Es schmerzte ihn sehr, dass die alten Vorrechte des feudalen Stiftes verschwanden. Nach dem Tod des letzten patrizischen Propstes Ludwig Meyer von Schauensee im Jahr 1841 hatte er angeblich keinen echten Vertrauten mehr unter den Mitchorherren. Der letzte patrizische Chorherr Anton Pfyffer starb hochbetagt im Jahr 1856.

In den Bleistiftnotizen hielt Chorherr Pfyffer ausdrücklich fest, dass er seit Oktober 1808 in diesem Chorhof lebte und bereits um die 600 Gulden aus der eigenen Tasche in seine Verschönerung investiert hatte. Ein baulicher Eingriff war denn auch der Anlass für Pfyffers Listen – das erfährt man ebenfalls an den Wänden dieses Zimmers: Den 18. Augstmonath wurde dises Zimmer Vertaflet auf Kösten des Chorherrn Anton Pfyffer v. Heidegg ... durch Leodegar Rung [Rungg, von Hitzkirch]. Die vielen Listen sollten also späteren Generationen verraten, wer 1814 in Beromünster lebte, wirkte, verwaltete und zelebrierte. Die aus Pfyffers Sicht denkwürdige politische Wende musste doch festgehalten werden: Da wurde die Täferung eines bescheidenen Zimmers im Sommer des Umbruchs zum Akt politischer Dokumentation.

Interessanterweise hat sich auch der Schreinerlehrling Leodegar Lischer in etwas unbeholfener Weise mit weit ausladenden Schriftzügen auf dem weissen Kalkputz verewigt, bevor er die Täferung anbrachte: Muster [Münster] den 18 Aust [August] bin [ich] Leodegar Lischer Schreiner Lerjun Bim Herren Leodegar Rung Lerjun gewesen habe d...[Verputzlücke] Monatt beim Herren Korherr Pfierr (Pfyffer] gearbeitet und ich bin mein alter sibenzän Jahr allt.

Rätselhafte Schreibübungen

Von ganz anderer Natur sind die Papierstücke, die unter dem Täfer im mittleren östlichen Zimmer des zweiten Stockes gefunden wurden. Sie waren als Unterlage für eine Tapezierung etwa im mittleren 19. Jahrhundert über die Kanten und Zwischenräume der breiten Bretter eines älteren, einfacheren Täfers aufgeklebt worden. Es sind alles Schreibübungen, «Probeschriften», von Schülerinnen und Schülern aus Pfaffnau, St. Urban, Richenthal, Langnau und Reiden. Die mit Namen und Datum versehenen Zettel wurden zwischen November 1825 und März 1826 geschrieben; also etwa in der Zeit der Winterschule 1825/26. Ganzjährige Schulklassen waren damals noch selten; auf dem Lande wurde die Schule hauptsächlich in der Winterzeit gehalten. Die kurzen Texte mit religiösen und sittlichen Sinnsprüchen stehen jenen nahe, die in den Schulbüchern der damaligen Zeit als Lese- und Schreibvorlagen gedruckt waren. Zwei Beispiele:

«1te Probeschrift.
Kannst du einem deiner Mitmenschen helfen,
so laß ihn nicht lange nach deiner Hilfe seuf-
zen, damit Gott auch dich schnell erhöre, wenn
du in der Noth zu ihm rufest.
Pfaffnau den 6ten Christmonath 1825.
  Im 4ten Schreibjahre.
    Anna Maria Manngold»

«Probeschrift
Bethen ist gut, aber Bethen und Ar-
beiten ist noch beßer. Es ist eine Zeit zum
Bethen und eine Zeit zum Arbeiten. Wer
bethet, wann man bethen soll, und arbeitet
wann Zeit zum Arbeiten ist, der hat den
beßten Theil erwählt.
Pfaffnau den 13ten März 1826»

Die Zettel stammen vermutlich aus dem Nachlass des Grossdietwiler Leutpriesters und Schulreformers Niklaus Leonz Schalbretter (1767-1832), der ab 1827 seinen Lebensabend als Chorherr in Beromünster verbracht hatte. Über lange Jahre war er Schulinspektor in diversen Bezirken des Amtes Willisau beziehungsweise des Luzerner Hinterlandes gewesen, wo er sich mit grossem Engagement für die Verbesserung der Volksschulen eingesetzt hatte. In welchem Chorhof er als Chorherr residiert hatte, ist unbekannt. Wer wollte sich nach seinem Tod noch für die Schreibübungen der Hinterländer Schulkinder interessieren? So wurden die relativ robusten Papiere schliesslich im Fleckensteinhof als Tapetenunterlagen an die Wände verkleistert.

Letzte Änderung
26.02.2009