Hartmannhof

Er besticht nicht durch seine Ausmasse wie die imposante Propstei, er ist kein Blickfang wie das spätbarocke Palais der Kustorei dem Eingang der Stiftskirche gegenüber – der Hartmannhof steht bescheiden mitten in einer Häuserzeile westlich der Kirche. Er kann aber für sich in Anspruch nehmen, auf geschichtsträchtigem Boden gebaut zu sein, zog sich doch im Hochmittelalter an dieser Stelle der Befestigungsring durch, der die romanische Stiftskirche und den damals sehr engen Stiftsbezirk einschloss.
Bei der Restaurierung des Hartmannhofes wurden viele originale Bauteile freigelegt und instand gestellt, das Haus aber auch den heutigen Ansprüchen angepasst. Wie viele andere Chorherrenhäuser verdankt auch dieser Chorhof seinen Namen einem Spross aus dem Luzerner Stadtpatriziat.

Melchior Rudolf Hartmann

wurde 1703 als Sohn eines Patriziergeschlechtes in Luzern geboren. Der gleichen Familie entstammt auch Propst Bernhard Hartmann, der das Stift von 1688-1707 leitete. Melchior Rudolf erhielt – wie das damals üblich war – schon als 16-Jähriger eine sogenannte Anwartschaft auf eine Pfründe am Stift St. Michael. Zehn Jahre später kam er nach Beromünster und stand hier als Chorherr während 45 Jahren bis zu seinem Tod 1774 im Dienste des Stiftes. Er versah hier mehrere wichtige Ämter und galt als einer der tonangebenden Köpfe des Stiftskapitels. Eine kleine, in einem Visitationsprotokoll überlieferte Bemerkung vermittelt ein Stimmungsbild des damaligen vornehmen Lebens am Stift: Chorherr Hartmann ärgerte sich über jene ländlichen Pfarrherren, die in farbigen Kleidern herumwandeln; das sei ein Privileg der adeligen Münsterer Herren!

Chorherr Hartmann war nicht nur ausgesprochen wohlhabend, sondern auch sehr grosszügig. Das zeigte sich in namhaften Schenkungen an die Stiftskirche, an die Kirche von Neudorf und an die Kapellen im Gormund und auf dem Bürgermoos. Zudem errichtete er für arme, begabte Bürgersöhne von Münster ein Stipendium.
Grosszügig war Melchior Rudolf Hartmann aber auch sich selber gegenüber. Während seiner langen Amtszeit am Stift liess er sein Haus am Freiet – den Hartmannhof – weitgehend erneuern und standesgemäss ausstatten. Die äussere Erscheinung des Hauses und die barock ausgestalteten Räume im Innern gehen zum grössten Teil auf ihn zurück. Die wiederhergestellte grosse Eingangshalle ist mit Grisaillemalereien geschmückt. Neben verschiedenen Ausstattungselementen aus der Zeit Hartmanns im ebenerdigen Zimmer und in Räumen des ersten Obergeschosses vermittelt vor allem der zweite Stock eine herrschaftliche Atmosphäre. Schon der Gang überrascht durch eine üppige Deckenmalerei mit Ranken und bunten Blumenmedaillons, fortgesetzt an den Wänden mit figürlichen Motiven in Grisailletechnik. Zusammen mit den drei harthölzernen, stark profilierten Türen erhält dieser Gang, der zum Festsaal auf der Ostseite des Hauses hinführt, eine repräsentative Wirkung. Der dunkel getäferte Festsaal mit der hölzernen Felderdecke strahlt eine vornehme Feierlichkeit aus, unterstrichen durch die barocke Maser-Imitationsmalerei und der zweiflügeligen Türe, die ins Nebenzimmer führt.

Die Bauarbeiten unter Chorherr Hartmann erfolgten nicht in einem Zuge, sondern etappenweise. Wohl aus diesem Grund ist die Innenausstattung nicht einheitlich. Vermutlich wurde aber die Formenvielfalt bewusst gewählt. Einzelne Bauphasen sind mit einem Datum belegt: Mitten in der reichen Malerei an der Decke im obern Gang findet man das Hartmann-Wappen und die Jahrzahl 1735, und der Kachelofen in der Stube im ersten Stock trägt das Datum 1745. Nach dem Urteil von Marco Tiziani vom Institut für Bauforschung IBID ist der barocke Innenausbau des Hartmannhofes ein «Kulturgut höchsten Ranges ... und ein wichtiger Zeuge für die gehobene Wohnkultur eines aus dem Luzerner Patriziat stammenden Chorherrn» im 18. Jahrhundert.

Letzte Änderung
20.10.2008