das Heilig Grab

Das Leiden Christi sichtbar gemacht

Das Heilig Grab im Stift St. Michael Beromünster

Vom Passionssonntag bis Karsamstag kann in der Stiftskirche das imposante und einzigartige Heilig Grab besucht werden. Es macht das Leiden Christi sichtbar und lädt zur Betrachtung, zur Andacht und zum Gebet ein.

Zur Zeit der Kreuzüge im 12. Jahrhundert entstand ein grosses Bedürfnis, die Grabeskirche in Jerusalem als Ganzes oder nur die Grabkammer als Nachbildung auch in unserer Gegend als ständige Einrichtung bewundern zu können. So baute man vielerorts mehr oder weniger getreue Kopien der heiligen Stätte in Originalgrösse oder Verkleinerung. Sie wurden meist von wohlhabenden Heiliglandfahrern in Erinnerung an ihre Pilgerreise und zur Aufbewahrung kostbarer Reliquien gestiftet. Im 14. Jahrhundert entstanden erstmals plastische Darstellungen aus Holz und Stein, welche die Grabszene mit Wächtern, den drei Marien und dem Engel zeigen. Um diese Grabmäler entstanden liturgische Riten, Prozessionen und Mysterienspiele, welche das Leiden und Sterben Christi den Gläubigen bildhaft vor Augen führten. Schmucklose Leinentücher wurden im Mittelalter während der Fastenzeit vom Chorbogen heruntergehängt, so dass sie dem Volk den Blick auf den prächtigen Altar versperrten, denn auch die Augen sollten fasten. Aber bald begann man, das Tuch mit Bildern der Passion zu schmücken. Diese alte Tradition der Hunger- oder Fastentücher ist in der heutigen Zeit vom «Fastenopfer» wieder aufgenommen worden.

Mit der Gegenreformation begann in der Kirche eine Intensivierung des religiösen Brauchtums. Mit den Bühnenkünsten des Barocktheaters wurden bildhafte Szenarien geschaffen. Monumentale Schaugerüste wurden am Karfreitag für nur wenige Stunden in den Kirchen aufgebaut. Das Zeitalter der Aufklärung räumte mit dieser Volksfrömmigkeit auf. Manches Heiliggrab wurde damals zu Brennholz. Das Heilig Grab von Beromünster dürfte eines der letzten noch erhaltenen Kunstwerke dieser Art sein.
Chorherr Melchior Hartmann gab 1771 dem Künstler Joseph Ignaz Weiss den Auftrag, ein Heiliggrab zu schaffen. Dieser Süddeutsche Kirchenmaler wirkte vor allem in Einsiedeln, wohnte zeitweise in Rapperswil und schmückte von dort aus die Kirchen von Eschenbach SG, Silenen und Flüelen. In der Pfarrkirche von Schwyz zeugen das Altarblatt und 28 Fresken von seinem Können. Im Auftrag des Chorherrenstiftes Beromünster war J.I. Weiss in der Kirche von Hochdorf, in der Wallfahrtskapelle von Gormund und in der Beromünsterer Mooskapelle tätig. In der Stiftkirche St. Michael schuf er die beiden grossartigen Deckengemälde «Maria Himmelfahrt» und «Maria Krönung».

Das Beromünsterer Heilig Grab umfasst vor dem Chorgitter die ganze Breite des Mittelschiffes. In der Höhe überragt es die Chorstiege acht Meter. Es zeigt in seiner Kulissenmalerei eine dreifache Säulenhalle und täuscht dabei Mittel- und Nebenbühnen vor. Das Ganze fügt sich perspektivisch ins Raumbild der Kirche ein. Der Betrachter sieht von unten hinauf zur Decke und zwischen den gemalten Säulen hinaus in einen Hof, wo Stiege und Treppe unsere Blicke intuitiv nach oben ziehen. Über dem Kranzgesimse trennt eine geschwungene Balustrade das Bild. Ueber diesen Balkon malte der Künstler einen imaginären Kuppelbau mit Sicht in fast unendliche Höhen bis zum Himmel. Der eigentliche Mittelpunkt des Werkes ist der Front um zwei Schritte zurückversetzt. Dort im zentralen Teil wurde bis 1955 nach alter Karfreitagsliturgie die Monstranz aufgestellt. Darunter in der Altarnische liegt im Halbdunkel der Leichnam Christi im Grabe.

Weil im 18. Jahrhundert viele Leute noch nicht lesen konnten, war es Aufgabe des Künstlers, das Leiden und Sterben des Herrn als Bildergeschichte den Gläubigen vor Augen zu führen. So findet der Betrachter auch die Szenen der Geisselung, der Dornenkrönung und der Verhöhnung. Hinter der Balustradenbrüstung steht Christus vor dem Hoheprieser, auf der andern Seite vor Pilatus und in der Mitte zeigt er sich uns mit Dornenkrone, gefesselt und von Soldaten bewacht. Zuoberst im Himmel erwartet Gottvater umrahmt von Engeln seinen Sohn.

Je höher die Figuren platziert sind, desto kleiner hat sie der Künstler gemalt. Mit dieser geschickt angewandten perspektivischen Verkürzung hat der Maler das Werk für den Betrachter in optischer Täuschung erhöht.

Da die Gläubigen früher auch nachts zum Gebete in die Kirche kamen, beleuchtete man das Heilig Grab mit Kerzen und Oellampen. Bunte Glaskugeln mit Wasser gefüllt vergrösserten die Flammenwirkung mit dem Effekt einer Linse.
Im Laufe der letzten 230 Jahre erlitt Beromünsters Heilig Grab durch Auf- und Abbau zahlreiche Schäden, die im Jahre 1999-2000 fachmännisch behoben worden sind.

Letzte Änderung
26.03.2011