Die Musikbibliothek des Stiftes

Neben den Beständen der Stiftsbibliothek ist auch die wertvolle Musikbibliothek in der Propstei untergebracht.

Der Begriff «Musikbibliothek» klingt sehr stark nach bewusst erworbenen und gesammelten Musikalien. Was jedoch die Musiksammlung des Stiftes betrifft, muss man eher sagen, dass sie der Überrest der Musikkultur vor allem des 18. Jahrhunderts ist. Diese Sammlung lag nämlich bis ca. 1970 ungeordnet, dem Staub, der Feuchtigkeit und nicht zuletzt dem Zugriff der Orgelbauer ausgeliefert auf dem Kirchenestrich. Bei der Restauration 1980 entdeckte man, dass die Windkanäle und Windladen der grossen Orgel mit Musikhandschriften des 18. Jahrhunderts abgedichtet worden waren. Was vordergründig nach Geringschätzung aussieht, lässt sich jedoch durch das bis 1900 herrschende Musikverständnis erklären. Im Gegensatz zu heute, wo die Musik aller Epochen gepflegt wird, d.h. dauernd präsent ist, war diese auf die Entstehungszeit beschränkt und wechselte in ziemlich kurzer Folge nach dem Geschmack der Zeit. Dass in der Kirchenmusik der damaligen Zeit vor allem Premieren stattfanden, zeigt sich zunächst an der umfangreichen Sammlung und dann am Zustand des Notenmaterials. Alles, was nicht direkt dem Staub ausgesetzt war, zeigt keine oder nur geringe Abnutzung.

Die Barockisierung der Stiftskirche in den 1690er Jahren scheint auch erstmals günstige Platzverhältnisse für die Aufbewahrung der Musikalien geschaffen zu haben. Werke aus der Zeit vor 1700 sind nämlich selten und wenn, dann nur als spätere Abschriften anzutreffen. Reich ist die Sammlung jedoch an Drucken des 18. Jahrhunderts, wo sie den Vergleich mit den Klosterbibliotheken der Schweiz und des süddeutschen Raumes nicht zu scheuen braucht. Alle namhaften Kirchenkomponisten Süddeutschlands sind vertreten durch eine Vielzahl an Drucken v.a. aus dem Verlagshaus Johann Jakob Lotter in Augsburg. Werke bekannter italienischer Komponisten sind meist als Kopien – Geschenke aus dem Bekanntenkreis der Chorherren – in die Stiftskirche gelangt. In erster Linie handelt es sich um geistliche Musik: lateinische Messen, Vespern und Hymnen für Solisten, Chor und Instrumente. Reine Instrumentalmusik ist ganz selten, z. T. nur auf der Rückseite von Kirchenkompositionen notiert. Für Orgel allein ist gar nichts erhalten, was darauf hindeutet, dass diese Musikalien jeweils privater Besitz der Organisten waren. Nach dem Niedergang oder der Zerstörung der Klosterkultur nach 1800 ändert sich die Musikpflege. Die Besetzung ist fortan vor allem auf Chor und Orgel ausgerichtet. Kirchenchöre im heutigen Sinne entstehen. Die grosse Besetzung des 18. Jahrhunderts wird zur Ausnahme. Es herrscht grosser Bedarf an Kompositionen des neuen Stils. Doch auch unter diesen Werken, von denen eine Fülle in der Bibliothek lagert, gibt es gewiss noch Perlen, wie verschiedene Neuausgaben zeigen. In der Kirchenmusik harrt jedoch das 19. Jahrhundert der Wiederentdeckung.

Der Bestand der Musikbibliothek Beromünster ist zwar erfasst, und eine Dokumentation darüber auf der Website des Répertoire International des Sources Musicales öffentlich einsehbar, die Auswertung hingegen wird noch viele Jahre dauern. Musikwissenschafter aus dem In- und Ausland beziehen sie in ihre Forschungen ein, und verschiedentlich wurde schon festgestellt, dass andernorts verloren gegangene oder zerstörte Handschriften einzig noch hier zu finden sind. Eine ganze Reihe von Unikaten liegt in der Musikbibliothek, weil sie eigens für das Stift komponiert wurden.

Text: Urs Lütolf, Stiftsorganist

Letzte Änderung
29.10.2008