Pfrundhaus St. Niklaus und Verena

Nach den grossen Bauten Kustorei und Propstei und den beiden Häusern Hartmannhof und Fleckensteinhof mit bemerkenswerten Interieurs konnte Anfang 2008 die Sanierung der Niklauspfrund, eines eher bescheidenen Gebäudes im engsten Bereich um die Stiftskirche, abgeschlossen werden.

Ein Haus an privilegierter Lage

Wer den Kreuzgang auf der Südseite der Stiftskirche abschreitet und auf der dem Kircheneingang gegenüberliegenden Seite an einer Türe vorbeikommt, ahnt wohl nicht auf den ersten Blick, dass dies ein Hauseingang ist. Jene aber, die des Lateinischen kundig sind, können der auf dem Türsturz eingemeisselten Inschrift genauere Auskünfte entnehmen. Diese spricht von einem im Jahr 1574 neu erbauten Haus und weist den Besucher unmissverständlich auf die dahinter liegende St. Niklauspfrund hin.

Es ist das am nächsten bei der Kirche gelegene Wohnhaus eines Stiftsgeistlichen, und sein Bewohner hat das unbestreitbare Privileg, dass er Kirche und Kapitelstube bequem im Trockenen erreichen kann, sozusagen in den Pantoffeln. Privilegiert ist das Haus zudem durch seine Südlage und den sonnigen Garten am Abhang der Kreuzgangterrasse. Dieser Garten ist ein Denkmal für sich. Betritt man ihn vom Bärengraben aus durch das schlichte hölzerne Tor, schreitet man zunächst durch einen Laubengang aus kunstvoll verwobenen Ästen von gelbem Hartriegel (Kornelkirsche).

In ähnlicher Art sind auch eine Gartenlaube in der Südostecke und ein der Kreuzgangmauer vorgelagerter Platz gestaltet. Das Pfrundhaus erstreckt sich über vier Stockwerke. Über einem vom Garten her zugänglichen Kellergeschoss liegen die Wohnräume auf drei Etagen. Vom Kreuzgang her gelangt man in das zweite Obergeschoss.
Das Pfrundhaus St. Nikolaus und Verena wurde 1574 vermutlich für Johannes Gössi aus Luzern neu gebaut. Dieser hatte «die pfrund im Chrützgang» im Jahr zuvor erhalten und genoss als Cousin des damaligen Propstes Wilhelm Richard eine Sonderstellung am Stift, wie aus dem Bericht über seine feierliche Primiz hervorgeht. 1581 konnte Gössi aber bereits als Chorherr nachrücken und zügelte von der Niklauspfrund in den frei gewordenen Chorhof neben dem Ratberg.
Wenn das Pfrundhaus gemäss Inschrift über der Eingangstüre 1574 neu gebaut worden ist («extructa novo»), muss es demnach einen Vorgängerbau gegeben haben, denn die Pfründe St. Nikolaus und Verena bestand bereits seit dem Jahr 1269. Vermutlich stand das vorherige Gebäude an derselben Stelle oder im Bereich des heutigen Kreuzganges, der dann im Zusammenhang mit dem Neubau des St. Niklaus-Pfrundhauses eine Umgestaltung erfuhr.
Bilddokumente aus dem 17. bis 19. Jahrhundert zeigen, dass das Haus im Laufe der Zeit mehrere Umbauten erfahren hat. Auf dem Merianstich von 1642 erkennt man im zweiten Obergeschoss einen hölzernen Laubenvorbau und ein zierliches Erkertürmchen an der Südostecke. Beide Elemente fehlen noch auf dem Aquarell in Propst Birchers Annalen (1610-1640). Die heutige äussere Erscheinung des Hauses stammt aus dem 19. Jahrhundert. In dieser Zeit wurden mehrmals Erneuerungen und Modernisierungen im Innern und an Fassade und Dach vorgenommen. Der wohl um 1840/1860 errichtete Anbau auf der Westseite mit Küche, Abort und Treppenhaus wurde 1961 auf das heutige Ausmass verkleinert.

Pfrundhäuser – Chorhöfe

Die 14 ehemaligen Pfrund- oder Kaplanenhäuser im Stiftsbezirk tragen den Namen des zugehörigen Altarpatrons in der Kirche. Sie wurden früher von den Stiftskaplänen bewohnt, deren Pflichten das Chorgebet, die Seelsorge, aber auch den Orgel-, Kantor- und Schuldienst umfassten. Der Altar St. Niklaus und Verena befand sich ursprünglich in einer separaten Kapelle, die im Kreuzgang zwischen der Kirche und dem Kapitelhaus stand. Erst Anfang des 17. Jahrhunderts wurde er ins Obergeschoss, in die heutige kleine Sakristei, verlegt. Der Inhaber der Niklauspfrund bekleidete in der Regel das Amt des Subcustos.
Im Gegensatz zu den Pfrundhäusern waren die Chorhöfe den Chorherrenpfründen zugeordnet; sie sind in der Regel nach Ihrem Erbauer oder langjährigen Bewohner, meist einem Chorherrn aus dem Luzerner Patriziat, benannt. Die Chorhöfe wurden dementsprechend auch reich ausgestattet.

Die Restaurierung

Die Innenausstattung der Niklauspfrund ist dagegen schlicht gehalten. Einzig der Gartensaal im untersten Geschoss mit dem einfachen Stuckornament an der Decke und der breiten Fensternische strahlt eine gewisse Würde aus. Seit unbestimmter Zeit ist dieser Saal aber zweckentfremdet; aus finanziellen Gründen wurde er nicht in die aktuelle Restaurierung einbezogen. Bemerkenswert sind im Weiteren Parkettböden und Täferungen in einigen Räumen und zwei Türen im mittleren Wohngeschoss.
Die geplante Sanierung beschränkte sich zunächst auf die Fassadenrenovation und im Innern auf die Erneuerung der Sanitäranlagen und eine Pinselrenovation. Beim vorgängigen Gebäudeuntersuch traten aber massive statische Probleme zutage. Ihre Behebung war für die Bauleitung und die Ingenieure die grösste Knacknuss. Bei verschiedenen Umbauten in den letzten 200 Jahren waren unzulässige Eingriffe in die Balkenkonstruktion vorgenommen worden. An verschiedenen Stellen wurden einzelne Balken verkürzt oder in Längsrichtung beschnitten, sodass die Mauer auf der Südseite allmählich nach aussen gedrückt wurde. Daher musste die südliche Fassade mit Eisenstangen im rückwärtigen Mauerwerk, der Umfassungsmauer der Kreuzgangterrasse, verankert werden.

Literatur

Letzte Änderung
20.10.2008