Propstei

Zur Baugeschichte

An der Südwestecke des engeren Stiftsbezirks steht seit dem Ende des 15. Jahrhunderts das Haus des Stiftsvorstehers. An dieser Stelle liess Jost von Silenen einen schlossartigen Bau mit Turm und Treppengiebel errichten. Er war 1469 bei seiner Wahl zum Propst vertraglich verpflichtet worden, eine neue Propstei zu bauen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es am Stift keinen festen Wohnsitz für den Propst gegeben. Auf alten Darstellungen ist Silenens Propstei zu sehen, umgeben von einem grossen ummauerten Garten und mit dem um das Jahr 1600 erbauten runden Gefängnisturm. Der Treppengiebel war in der Spätgotik ein beliebtes Stilelement. Beim 1536 erbauten Hirschen und bei der westlichen Häuserzeile am Freiet ist es bis heute erhalten geblieben. Auf dem Areal der Propstei befand sich zudem noch das sogenannte Stöckli, durch eine Laube mit dem Hauptbau verbunden.

In den folgenden Jahrhunderten wurden immer wieder Renovationen und kleine Veränderungen an der Propstei vorgenommen. Das Gebäude blieb aber in seiner Grundstruktur unangetastet. Im 18. Jahrhundert tauchte die Frage eines Neubaus auf. Nach jahrzehntelangen Diskussionen berief Propst Ulrich Niklaus Krus 1779 den Baumeister Josef Purtschert ans Stift. Die aus Vorarlberg stammende Familie Purtschert hatte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Pfaffnau niedergelassen und beherrschte ab 1750 zusammen mit der Familie Singer das luzernische und innerschweizerische Bauwesen. Unzählige Kirchen und Profanbauten zeugen von ihrem Können. Josef Purtschert verwirklichte in den 1780-er Jahren das heutige Propsteigebäude. In bemerkenswerter Weise bezog er den alten Bau in die Pläne mit ein und ergänzte ihn zu einem dreiflügligen, repräsentativen Palais. Im südlichen Gebäudeteil, der Wohnung des Propstes, hat sich das Mauerwerk der alten Propstei erhalten. Wegen fehlender Mittel – gleichzeitig wurde ja auch noch die Kustorei völlig neu gebaut – verschob man den Ausbau des zweiten Geschosses im mittleren und nördlichen Teil auf später. Unter Propst Franz Bernhard Göldlin von Tiefenau wurden dort 1813 der grosse Bibliothekssaal und weitere Räume im klassizistischen Stil ausgestattet.

Ein «Regierungspalast» für das Michelsamt

Das wenige Jahre vor der Französischen Revolution errichtete, neun Achsen breite spätbarocke Palais war noch ganz der Feudalzeit verpflichtet. Seine Architektur brachte die zwischen Propst und Landvogt aufgeteilte Herrschaft über das Michelsamt sichtbar zum Ausdruck.
Die weitläufige Wohnung des Propstes befand sich im Südflügel des Gebäudes. Als «Herr zu Münster» war er zugleich Grundherr und Gerichtsherr im Michelsamt. Propst Krus, der Bauherr, war der letzte weltliche Herr in Beromünster.
Als Gegenstück dazu lagen im ersten Stock des Nordflügels die Räume für den Landvogt. Dieser kam jedes Jahr im Mai und im Herbst für je zwei Tage von Luzern her nach Münster geritten, um über die schweren Vergehen zu richten. Das Logis umfasste eine Stube und ein Schlafzimmer für den Landvogt sowie zwei Zimmerchen für sein Gefolge. Beide Seitenflügel verfügten über einen eigenen, gleichwertig gestalteten Zugang.
Der Mittelteil der Propstei mit dem dominierenden Hauptportal im Louis-XVI-Stil wurde von einem markantem Dreiecksgiebel mit zwei Wappenkartuschen bekrönt. Diese trugen zur Bauzeit die Hoheitszeichen von Beromünster und Luzern – ein weiterer Hinweis auf die beiden damaligen Machthaber. Im ersten Obergeschoss waren hier die Verwaltungsräume untergebracht: ein Audienzzimmer und die Kanzlei (später als Bischofszimmer bezeichnet).

Ein wertvoller Tapetenbestand

Im Nordflügel der Propstei Beromünster sind fünf Zimmer mit alten Tapeten aus der Zeit um 1800-1830 ausgestattet. Dieses Ensemble aus der Biedermeierzeit ist in seiner Art einmalig und seine Erhaltung ein grosses Glück. Die Wandbezüge sind noch in ihrem ursprünglichen Zustand, sie wurden also nie überklebt. Sie weisen die für ihre Entstehungszeit typischen Merkmale auf. Ihre Wandflächen zeigen sehr kontrastreiche Farbgebungen. So wurden gerne rote Töne zusammen mit grünen oder blau-graue Farben zusammen mit orange-gelben verwendet. Charakteristisch für diese Zeit sind auch die dunkel gehaltenen, auffälligen Bordüren, die sich stark von den Wandflächen absetzen. Die Flächen bestehen aus einfachen geometrischen Mustern. Häufig sind es vertikale Streifen, die aus feinen Punkt- oder Linienmustern bestehen. Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts imitierten die Papiertapeten allerlei Arten von Stoff. Typisch für diese Zeit sind beispielsweise Deckenbordüren, die drapierte Stoffvolants nachahmen.
Alte Tapeten bestehen aus handgeschöpften Hadernbogen, die zu einer Papierbahn zusammengefügt worden sind. Diese bestrich man mit Leimfarben und bedruckte sie danach mit Holzmodeln. Für jede Farbe benötigte man einen eigenen Druckstock. Nach 1830 konnten durch die Erfindung der Papiermaschine Papiere am Laufmeter hergestellt werden, was sich auch die Tapetenindustrie zunutze machte. Mit der industriellen Massenherstellung des Papiers ging eine Verwendung von holzschliffhaltigem Material einher, dessen Säuren das Papier allmählich zersetzen. Die Lebenserwartung dieser Tapeten ist daher noch mehr eingeschränkt als diejenige der älteren Tapeten.
Tapeten sind also fragile Zeitzeugen. Das dünne, farbig bedruckte Papier soll einem Raum einen ganz speziellen Raumeindruck geben und ihn aufwerten. Entgegen den dauerhaft gebauten Wänden, auf denen sie haften, sind Tapeten auf eine kürzere Benutzung ausgelegt. Nach rund zehn bis fünfzehn Jahren werden sie dem Zeitgeschmack entsprechend ersetzt. Die sehr seltenen historischen Tapeten, die sich bis in unsere Zeit erhalten haben, sind daher entsprechend wertvoll.

Neue Nutzung nach der Restaurierung

Die Restaurierung der Propstei ermöglichte eine teilweise neue Nutzung des Gebäudes. Der Südflügel dient weiterhin als Propstwohnung. Diese wurde komplett erneuert und in einzelnen Teilen umgestaltet (Lift, sanitäre Anlagen).
Der zweite Stock des Nordflügels beherbergt wie bisher die Stifts- und Musikbibliothek. Die einzelnen Räume erhielten eine zeitgemässe Einrichtung. Der repräsentative Bibliothekssaal von 1813 im Mitteltrakt wurde sanft renoviert, blieb aber in seiner Form und Ausstattung erhalten.
Neu ist im Nordflügel die Stiftskasse untergebracht. Im ersten Stock befinden sich Büro und Besprechungszimmer. Im Erdgeschoss wurden zwei grosse Archivräume für die Stiftskasse und die Bibliothek eingerichtet.

Letzte Änderung
20.10.2008