Stiftsbibliothek

Geschichte

Die Geschichte der Stiftsbibliothek reicht bis in die Anfänge des Stiftes im 10. Jahrhundert zurück. Bücher spielten hier seit jeher eine wichtige Rolle. Die grossen liturgischen Folianten, die in der Kirche täglich für Gottesdienst und Chorgebet gebraucht wurden, sicherte man im Mittelalter sogar mit Ketten gegen Diebstahl, denn vor der Erfindung des Buchdrucks waren sie unersetzliche Kostbarkeiten. Eine erste, vereinzelte Nachricht über eine Liberia des Stiftes stammt erst aus dem Jahr 1391. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts ist dann öfter von der Bibliothek die Rede. Die Gründe für dieses relativ späte und nur sporadische Auftauchen einer gemeinsamen Bücherei liegen einerseits darin, dass die Stiftsherren im Gegensatz zu den Klöstern keine vita communis, kein gemeinsames Leben, pflegten, sondern eigene Haushalte führten. Zum andern erlitt das Stift im 13. und 14. Jahrhundert schwere Schädigungen durch Kriegszüge und Brandschatzungen, denen mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Bücher zum Opfer fielen.
Seit dem 14. Jahrhundert sind allerdings einzelne gelehrte Chorherren und Kapläne bekannt, die für damalige Verhältnisse umfangreiche Privatbibliotheken besassen. Da aber für die Stiftsbibliothek lange geeignete Räumlichkeiten fehlten, verschenkten die Stiftsgeistlichen ihre Bücherschätze häufig an Klöster, an Engelberg, Einsiedeln, Gnadental und vor allem an das 1606/08 gegründete Kapuzinerkloster Sursee.

Standorte der Stiftsbibliothek

Im Mittelalter war es vielerorts üblich, neben dem Silberschatz und den Paramenten auch die Bücher in der Sakristei aufzubewahren. Im Stift war wohl der Anbau an der nördlichen Apsis der Standort der Bücherei vor 1676. In diesem Jahr wurde unter Propst Mauriz an der Allmend die grosse Sakristei über der Kapitelstube gebaut. Gleichzeitig richtete man im Estrich darüber einen Raum für die Bibliothek ein. Diese hatte in den Jahren zuvor einen erheblichen Zuwachs erfahren durch Schenkungen einiger Stiftsgeistlichen. Mehr als ein Jahrhundert blieben nun die Bücher in diesem Dachgeschoss der Sakristei – ein nicht gerade besucherfreundlicher Raum, im Sommer sehr warm und trocken, bei nassem Wetter und im Winter feucht und kalt.
Mit der Wahl des Stiftssekretärs Franz Bernhard Göldlin von Tiefenau zum Bibliothekar im Jahr 1795 erhielten die Bücher endlich jene fachmännische Betreuung und gebührende Beachtung, die ihnen seit langer Zeit gefehlt hatten. Göldlin suchte sofort nach einem neuen Standort. Doch die Wirrnisse der Französischen Revolution brachten dem Stift andere Sorgen, und die Bücher blieben weiterhin im Sakristei-Estrich. Erst als am Stift langsam wieder geordnete Verhältnisse eingekehrt waren, konnte Göldlin – er war inzwischen 1803 zum Propst gewählt worden – das Projekt eines neuen Bibliotheksraumes wieder aufnehmen. 1810 beschloss das Kapitel, in der neuen Propstei den noch unausgebauten grossen Saal im zweiten Stock des Mitteltraktes für die Bibliothek herzurichten. Drei Jahre später konnten die neuen Räumlichkeiten samt drei kleineren Zimmern im Nordteil des Gebäudes bezogen werden. Der grosse Bibliotheksraum im Mitteltrakt – heute als Lesesaal bezeichnet – ist den damaligen finanziellen Verhältnissen entsprechend sehr schlicht gehalten, strahlt aber eine gewisse Würde aus. Allerdings ist er in keiner Art und Weise mit den prunkvollen Bibliothekssälen in den Klöstern Einsiedeln, St. Gallen oder Engelberg vergleichbar. Einfache Bücherregale aus Tannenholz ziehen sich den Wänden entlang. An der Längsseite links und rechts der doppelflügligen Türe sind zwei französische Cheminées angebracht. Das eine in grauem Sandstein ist beheizbar und trägt auf dem Gesimse das Wappen des damaligen Propstes Franz Bernhard Göldlin von Tiefenau. Das andere ist, der Symmetrie zuliebe, als Attrappe in Stuckgips gestaltet. Über den beiden Cheminées liess Propst Göldlin zwei Denkmäler anbringen: Eines ist dem Chorherrn Helias Helye gewidmet, der 1470 in seinem Haus, dem heutigen Schloss Beromünster, das erste datierte Buch der Schweiz druckte; das zweite ehrt jene Chorherren und Kapläne, die sich vom 15. bis 18. Jahrhundert um die Buchkultur und Bildung am Stift und um die Bibliothek verdient gemacht haben.

Wichtige Bücher in der Stiftsbibliothek

Die Stiftsbibliothek hat einen ausserordentlich wertvollen Bestand an ca. 100 Handschriften aus dem Hoch- und Spätmittelalter. Es sind die weitherum bekannten liturgischen Werke wie das Epistolar oder das Evangelistar, aber auch wissenschaftliche Werke aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Die pionierhafte Tat des Chorherrn Helias Helye, der von 1470 bis 1473 in Beromünster sechs Bücher druckte, mag mit ein Grund sein, dass in der Stiftsbibliothek auch 120 Drucke vor 1500, sogenannte Inkunabeln, vorhanden sind. Als eine «Bibliothek in der Bibliothek» kann man die Bücher des gelehrten Kaplans Jeremias Meier (+1671) bezeichnen. Er war Pfarrer von St. Stephan und hatte eine 250 Werke umfassende, wertvolle Büchersammlung, die er dem Stift vergabte. Es sind mehrheitlich theologische Werke – häufig mit gleichartigen Einbänden versehen –, und sie sollten nach dem Willen des Donators in erster Linie dem untern und obern Leutpriester zu Nutzen sein.
Weitere kostbare Bücher aus der Zeit vor 1800, häufig mit sehr schönen Einbänden, füllen die schlichten Regale im Bibliothekssaal. In der Compactus-Archivanlage im Erdgeschoss ist eine gut ausgerüstete Arbeits- und Handbibliothek mit Werken aus der neueren Zeit untergebracht. Hier finden sich auch wertvolle Zeitschriftenbestände, vor allem aus dem 19. Jahrhundert, u.a. Archiv für die Pastoralkonferenzen in den Landkapiteln des Bisthums Konstanz 1804-1816, Litteraturzeitung für katholische Religionslehrer 1810-1817, Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland 1838-1923, Der Katholik 1861-1918, Stimmen aus Maria-Laach / Stimmen der Zeit 1872-1931.

Die alten und kostbarsten Bestände der Bibliothek werden aus sicherheitstechnischen und konservatorischen Gründen schon seit einiger Zeit im neuen Kulturgüter-Schutzraum der Stiftskirche aufbewahrt.

Vom ganzen Bestand der Stiftsbibliothek sind bis jetzt ca. 5'000 Bücher im digitalen Katalog erfasst.
Sie wurde auch in das dreibändige "Handbuch der historischen Buchbestände in der Schweiz" (Hildesheim - Zürich - New York 2011) aufgenommen (Band 2, Seiten 7 bis 11). Dieses Handbuch beschreibt die in verschiedenen Schweizer Archiven und Bibliotheken aufbewahrten gedruckten Schriften seit dem Beginn des Buchdrucks bis um 1900.

Benützung der Stiftsbibliothek

Mit Ausnahme der Bücher im Lesesaal (Signatur «L») können die Bücher ausgeliehen werden. Ausleihefrist: 30 Tage

Kontakt: Chorherr Jakob Bernet

Letzte Änderung
25.05.2012